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Deutschland wird die installierte Leistung von Windenergie-Anlagen senken

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Deutschland wird die installierte Leistung von Windenergie-Anlagen senken

Um die deutschen Klimaschutzziele zu erreichen, müssen die CO2-Emissionen ab sofort deutlich reduziert werden. Effizienzsteigerung und Abschaltung von konventionellen Kraftwerken mit hohen CO2-Emissionen – zuallererst von Braunkohlekraftwerken – sind unausweichliche Schritte, wenn Klimaschutz nicht auf dem Level von wohlfeilen Worthülsen enden soll. Doch energiewirtschaftliche Zahlen und Zielvorgaben der Bundesregierung lassen erkennen, dass die installierte Leistung erneuerbarer Energie-Anlagen in den nächsten Jahren eher sinken wird als zu steigen.

Kaum vorstellbar, wo doch alle Welt von Klimaschutz und vom Ausbau der Erneuerbaren redet? – Also gut: Nicht so unsere neue Bundesregierung, die das Umweltministerium mit der studierten Germanistin und Politikwissenschaftlerin Svenja Schulze (SPD) besetzt hat.

Kurzer Exkurs: Svenja Schulze leitete zuvor in NRW das Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung in der rot-grünen Landesregierung unter Hannelore Kraft. In Erinnerung blieb sie vor allem durch ihre Aussage, aus dem Zwischenlager am Forschungszentrum Jülich seien mehr als 2.000 Brennelementekugeln verschwunden und über der Verbleib könnten „keine abschließenden Aussagen getroffen werden“. Später musste sie dann jedoch kleinlaut eingestehen, dass die Menge des spaltbaren Materials in Jülich doch „überprüfbar und nachvollziehbar“ sei. Nun also soll sie im Umweltministerium wohl die Interessen Nordrhein-Westfalens im Blick behalten – und das heißt innerhalb der SPD zuallererst, die Interessen der Energiekonzerne und ihrer Beschäftigten sowie der von Kohle und Stahl abhängigen Kommunen.

Exkurs Nummer 2: Die Neuordnung der Geschäftsfelder von RWE und E.on einschließlich der Auflösung von Innogy einerseits (ein sehr lesenswerter Kommentar dazu von Claudia Kemfert) und das Vorgehen von RWE und Landespolitik im Hambacher Forst andererseits zeigen ein erschreckendes Bild über das, was in den Köpfen dort als zukunftsfähige Energiepolitik herumgeistert.

Die Ausbauziele für Onshore-Windenergie …

Das erklärt aber wohl auch, warum auch von der neuen Bundesregierung kaum positive Impulse für den Klimaschutz und den Ausbau der Erneuerbaren zu erwarten sind. Dazu muss man lediglich die Ausbauziele für die nächsten Jahre anschauen. Während 2017 nach Zahlen des Bundesumweltamtes noch 6.290 MW Windleistung neu installiert wurden, rechnet die Branche aktuell mit einem Einbruch für dieses und das kommende Jahr. Denn lediglich 4,5 % der bezuschlagten Gebote aus 2017 hatten eine immissiosschutzrechtliche Genehmigung – und die Hürden für eine solche Genehmigung wachsen. Grund dafür sind immer komplexere Genehmigungsverfahren und gleichzeitig eine immer stärkere Front von organisierten Windkraftgegnern, die über Klagen die Realisierung von Projekten so lange verzögern können, bis Projektierer wirtschaftlich in die Knie gehen. 2018 werden daher voraussichtlich nur 131 MW Onshore-Windenergie ans Netz gehen, obwohl 2.820 MW von der Bundesnetzagentur einen Zuschlag erhalten haben.

Dem stehen gedeckelte Ausbauvolumina für künftige Ausschreibungen zur Onshore-Windenergie gegenüber, wie sie im aktuellen EEG festgeschrieben sind: je 2.800 MW neu installierte Windleistung für die Jahre 2017 bis 2019, ab 2020 sind es dann 2.900 MW. Da in den ersten Ausschreibungsrunden für Onshore-Wind im Jahr 2017 überwiegend Bürgerenergieprojekte bezuschlagt wurden, die für die Umsetzung ihrer Windparks vier Jahre Zeit haben, steht ein Einbruch bei den Neuinstallationen in Deutschland zu erwarten (und zeichnet sich bereits in rückläufigen Aufträgen, Entlassungen und Standortschließungen ab). Die 4 GW Sonderausschreibungsvolumen für Onshore-Windenergie, die parallel zu den im EEG verankerten Ausschreibungen greifen sollen und auf die all jene ihre Hoffnungen setzen, die bisher nicht über die Privilegierung von Bürgerenergieprojekten in den Ausschreibungen zum Zuge gekommen sind, helfen da auch nur bedingt, denn sie werden voraussichtlich als Vorgriff auf die Ausschreibungsvolumina der Folgejahre eingestuft.

Bei der Photovoltaik, die schon länger mit dem Ausschreibungsverfahren leben muss, lag die neu installierte Leistung 2017 laut UBA bei 1.678 MW – und damit nicht nur erheblich unter dem Rekord-Zubau von 8.161 MW im Jahr 2012, sondern erneut deutlich unterhalb des Volumens von jährlich 2.500 MW, das im EEG 2017 als Zielvorgabe formuliert wurde.

Die Zielvorgaben des EEG sind also keine Garantie dafür, dass die vorgegebenen Werte tatsächlich realisiert werden. Erschwerend kommt hinzu, dass nicht genutzte Volumina nicht etwa auf die nächste Ausschreibungsrunde übertragen werden, sondern schlicht und einfach verfallen.

… kompensieren nicht die Leistung, die Ende 2020 vom Netz gehen wird

Dem auf 2.800 MW gedeckelten Zubau, der in dieser Höhe noch nicht einmal gesichert realisiert wird, stehen Windenergieanlagen gegenüber, die bis zum Jahr 2000 errichtet wurden und nach 20 Jahren, also bis Ende 2020 die zeitliche Begrenzung ihrer EEG-Förderung erreichen. Bis 1999 waren nach Zahlen des Fraunhofer IWES kumuliert 3.500 MW installierte Leistung am Netz. Diesen Anlagen wurde mit dem EEG 2000 unabhängig vom Errichtungsdatum eine 20-jährige Förderung durch das EEG gewährt. Im Jahr 2000 kamen dann noch einmal 1.600 MW dazu. Mit dem 31. Dezember 2020 gehen also insgesamt rund 5.100 MW Windenergieanlagen aus der EEG-Förderung – und bei fehlender wirtschaftlicher Basis für einen Weiterbetrieb wird der ganz überwiegende Teil davon abgeschaltet.

Was also wird 2020 geschehen – wenn vorher nichts geschieht? Aus dem heutigen Bestand werden nach vorsichtiger Schätzung und Berücksichtigung von bereits abgebauten oder repowerten Anlagen deutlich über 4.000 MW installierte Windenergie-Leistung abgeschaltet. Kompensiert werden müssten diese Abschaltungen durch Neu-Errichtung von Windenergieanlagen, die 2017 bis 2019 den Zuschlag erhielten. Und hier kommen wieder jene knapp 2.700 MW neue Windenergieanlagen in Bürgerenergieprojekten ins Spiel, die zwar in Ausschreibungen 2017 den Zuschlag erhalten haben, aber noch innerhalb von vier Jahren das gesamte immissionsschutzrechtliche Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen – und bei denen Kritiker warnen, dass längst nicht alle überhaupt genehmigungsfähig seien.

Deutschland war Vorreiter beim Ausbau erneuerbarer Energien – und könnte sich jetzt den fragwürdigen Ruhm erwerben, als erstes Land den Anteil erneuerbarer Energien am Strommix per Gesetz wieder zu senken

Exkurs Nummer 3: Das ganze geschieht gegen den Willen der Mehrheit der Bürger, gegen die eigenen Klimaschutzziele, gegen jede wirtschaftliche Vernunft. Denn auch das gehört inzwischen zur Wahrheit: „Die Gestehungskosten für Strom aus erneuerbaren Energien sinken kontinuierlich und sind kein Hindernis für eine CO₂-freie Stromerzeugung mehr. Neu errichtete Photovoltaik-Anlagen und Onshore-Windenergieanlagen an günstigen Standorten sind bereits heute günstiger als fossile Kraftwerke, und dieser Trend wird sich bis 2035 deutlich verstärken.“ Das Zitat stammt aus einer heute veröffentlichten Studie des ISE.

Wie gesagt: … wenn vorher nichts geschieht. Leider ist jedoch „Nicht-handeln“ angesichts drängender Probleme kennzeichnend für die gegenwärtige deutsche Klimaschutzpolitik.

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