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Das eigentliche Risiko

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Das eigentliche Risiko

Offshoretage in Warnemünde Anfang März. Die Diskussion dreht sich um Erfahrungen des dänischen Energiekonzerns Oerstedt (ehemals Dong) beim Bau von Offshore-Windparks. Mit erfreulicher Offenheit berichtet der Referent darüber, welche Risiken nach wie vor auftauchen können, mit denen niemand gerechnet hat. Beispiel: Das Material, das zum Sandstrahlen von Metall eingesetzt wird, stammt aus fein gemahlenem Bauschutt. Das ist Standard und sollte eigentlich keinen weiteren Gedanken wert sein. Doch wehe, dem Lieferanten ist asbesthaltiges Material untergeschoben worden! Dann muss auf einmal die Produktion der stählernen Gründungsstrukturen gestoppt und der gesamte Produktionsstandort dekontaminiert werden, Arbeitsbekleidung und Arbeitsmaterial müssen als Sondermüll entsorgt werden und die Mitarbeiter zum Gesundheits-Check. Das alles kostet im Rahmen eines Projektes wertvolle Zeit und ist ein Beispiel für Schäden aus der Kategorie „Man kann gar nicht so dumm denken, wie es dann kommt.“

Da solche Risiken nicht im Einzelnen nach Schadenshöhe und Eintrittswahrscheinlichkeit bewertet werden können, haben Unternehmen in ihre Finanzplanung in der Vergangenheit einen pauschalen Sicherheitspuffer eingebaut. Mal musste der in Anspruch genommen werden, mal nicht. Unter den Druck des Ausschreibungsverfahrens wird hier inzwischen allerdings mit viel kleineren Zahlen hantiert. Wohl dem, der seinen Sicherheitspuffer über mehrere Projekte verteilen kann. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Puffer bei jedem Park in Anspruch genommen werden muss, ist relativ gering – und für große Projektierer mithin einigermaßen einfach zu verkraften. Für kleinere Unternehmen (immer in der Dimension von Offshore-Windparks gedacht) sieht das schon ganz anders aus. Da können Verzögerungen bei einem sehr knapp kalkulierten Auktionsgebot schnell die erfolgreiche Realisierung eines Projektes gefährden. Das wissen auch die Verantwortlichen – aber sie wissen genauso gut, was für sie auf dem Spiel steht, wenn sie für ihre Projekte keinen Zuschlag bekommen. Also heißt die Devise: Augen zu und durch!

Die eigentlichen Risiken liegen woanders …

Doch solch ein Risiko eines unerwarteten Schadens trifft immer nur einzelne Projekte. Das eigentliche Risiko für den weiteren Ausbau der Offshore-Windenergie kommt jedoch aus einem ganz anderen Bereich: Wenn die Europäische Zentralbank Ende 2018 den Leitzins erhöhen sollte – und diese Option ist nicht ganz unwahrscheinlich – dann könnte es mit dem billigen Geld für Offshore-Projekte rasch vorbei sein. Ob technische Innovationen und der gegenwärtige Wettlauf um immer größere Offshore-Mühlen die in der Berechnung der Gebote zugrunde gelegten Preissenkungen tatsächlich eintreten lassen, ist ebenfalls nicht in Stein gemeißelt. Dann aber geht es nicht mehr um die Realisierung einzelner Projekte, sondern im schlimmsten Fall um die Realisierung von ganzen Aussschreibungsrunden.

Die verantwortlichen Bundespolitiker feiern die Nullrunden der Ausschreibungen als Beleg für den Erfolg des Auktionsverfahrens. Dabei droht aus den Augen zu geraten, dass solche Null-Euro-Gebote durchaus strategisch platziert worden sein können. Im Verhältnis zu den Gesamtkosten eines Offshore-Windparks sind die Pönalen bei Nicht-Errichtung des Parks für große Konsortien vergleichsweise gering und leicht verkraftbar. Sie sichern aber zumindest die Möglichkeit, unter günstigen Rahmenbedingungen Offshore-Windstrom zu vermarkten – und das könnte nach einem Abschalten der Atomkraftwerke durchaus auch in Direktbelieferung geschehen. Denn wo steht denn geschrieben, dass der Transport des Offshore-Stroms an Land bis dahin weiterhin in der Hand von Tennet & Co. liegen muss?

Natürlich steckt in solchen Geboten auf zukünftige Rahmenbedingungen immer ein gut Teil „Prinzip Hoffnung“. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass auch Banken dafür anfällig sind. Die Lektion, die man dann aus den gescheiterten Ausschreibungen ziehen müsste, käme leider um Jahre zu spät – für den deutschen Energiemarkt, aber auch für die Offshore-Windindustrie insgesamt, die schon jetzt um künftige Aufträge bangt.

… die aktuelle Chance auch

Gegensteuern könnte man schon heute – indem man die Ausschreibungsvolumina erhöht. Das würde den Druck auf die Gebote reduzieren, den Herstellern und Zulieferern eine wirtschaftliche Perspektive eröffnet, Arbeitsplätze und technisches Know-how in den Unternehmen sichern – und dem Klimaschutz zugute kommen. Allerdings müsste man sich dann von der Sichtweise verabschieden, die Einführung des Ausschreibungsverfahrens rundum als Erfolg zu feiern. Die neue Bundesregierung könnte das angehen, ohne auf Befindlichkeiten früherer Minister oder Staatssekretäre Rücksicht nehmen zu müssen.

 

 

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